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Renate Olbrich – Jenseits formalistischer Ästhetik

Vagheit ist ein Stilmittel der sprachlichen Komposition wie auch der bildnerischen Gestaltung. Vagheit kann die Unbestimmtheit eines Gegenstandes ausmachen und ebenso nicht minder eine Vieldeutig-keit. Bei Renate Olbrich wird sie neben der Unschärfe des Umrisses auch als sfumato, das heißt als dunstartiger Schleier erzeugt. In beiden Fällen bleibt die Umgebung recht eindeutig erkennbar. Je weiter ein Gegenstand im Bild in den Hintergrund gerückt erscheint, desto kleiner werden seine Maße, desto mehr verschwimmen die Details des Umrisses neben denen der Binnenzeichnung. Es verbleibt eine Silhouette im Dunst. Die Vagheit der zentralen Motive in Olbrichs fotografischen Arbeiten zeugen von einer privaten Idylle. Es bleibt der Deutungsrichtung des jeweiligen Betrachters anheim gegeben, wie er die Wirkung einzelner Bildelemente einschätzt. Das wiederum ist von seinen Vorlieben und den damit verbundenen Erinnerungen abhängig. Sie verweisen auf ihn nahe liegende Assoziationen, die aus der Vagheit eine Vexierung in mögliche reale Situationen hervorzubringen vermögen.

Ferner ist die Vagheit bei Olbrich durch individuelle Mythologien geprägt, also durch ihr persönliches Umfeld . Sie vermittelt diese durch ihr entwickeltes , spezielles technisches Verfahren, beruhend auf der so genannten Solarisation . Fragmentarische bildnerische Details werden durch diese Technik aufbereitet und intensiv weiter verarbeitet. Während die kraftvolle Farbgebung als emotionaler Indikator eingesetzt wird, verstärkt die Solarisation die der Fotografie ohnehin schon inhärente Flüchtigkeit des Augenblicks. In der großformatigen Arbeit „Collage Sayonara“ (2008) sind Objekte und Elemente der häuslichen Umgeben – Menschen- und Tierfiguren, Stoff etc. – symmetrisch arrangiert. In Olbrichs „Tropenhaus“-Serie (2007/08) stehen in einer geometrisch aufgelockerten Bildkomposition floralische Motive Tiergestalten gegenüber, ergänzt durch abstrakte Formen, die der Betrachter nicht unbedingt näher identifizieren kann. Die im Bild auftauchenden Objekte spiegeln die Sammelleidenschaft der Künstlerin wider, für die der Akt des Sammelns „die Möblierung der eigenen Natur jenseits formalistischer Ästhetik oder Dekoration“ darstellt. Olbrichs Werke gehören ebenso dem Genre der inszenierten wie auch dokumentarischen Fotografie an. 

Die „Oberflächenäußerungen“ einer bildmächtigen Gegenwart, schreibt Siegfried Kracauer in seinem Essay „Das Ornament der Masse“ (1927), verrät mehr über den Ort der Epoche als die „Urteile der Epoche über sich selbst“. Olbrich artikuliert in ihren Solarisationen eine grundlegende Skepsis gegenüber diesen „Oberflächenäußerungen“. In gekonnter Schattierung, deren Farbpalette von rot-orange über gelb bis lila oder blau-grün reicht, sind die Fotografien bruchlos und wirken dabei verführerisch. Stets erscheinen akribisch ausgearbeitete, detailreiche Silhouetten im Gegenlicht, sodass man die einzelnen Bildelemente zum Teil nur als monochrome Fläche wahrnehmen kann, die sich jedoch weitgehend harmonisch in das intensiv leuchtende Farbspiel integrieren. Durch diese Ästhetik entfalten die Solarisationen einen geradezu malerischen Charakter. Olbrich ist es so gelungen, Malerei und Fotografie miteinander zu verknüpfen. Dies verwundert kaum, war doch die Künstlerin in ihren Anfängen eher der Malerei zugeneigt. Haben sich die Solarisationen aus ihren frühen Gemälden entwickelt, ergeben sich aus den Fotografien in jüngster Zeit malerische Werke, die durch ihre reduktive Formen auffallen. Auch hier wird in einer Reihe von Arbeiten, die die Künstlerin ebenfalls zur „Tropenhaus“-Serie zählt, das Stilmittel der Vagheit eingesetzt. Die Kontur, direkt aus der Farbtube wulstig aufgetragen, und monochrome Flächen stehen wie bei den Solarisationen im Bildvordergrund und betonen die Reduktion der Formen, die sich wieder aus Objekten und Elementen der direkten Umgebung von Olbrich zusammensetzen. Farbliche Nuancierungen ergeben sich durch die Überlagerung zahlreicher Lasurschichten die auf den Bildgrund aufgetragen werden. 

Der malerische Akt besteht im Auftrag von Farblasuren innerhalb der einzelnen Motivfelder, die durch die wulstigen Konturen voneinander getrennt werden. Auf die lasierten, noch feuchten Flächen wird Zeitungspapier gelegt und sofort wieder abgezogen. Die Oberflächenstrukturen der Zeitung werden durch den raschen Abzug verschleiert, vermitteln aber den Charakter eines filigranen Faltenwurfs, den Eindruck einer Aneinanderreihung zahlreicher Silhouetten. Olbrich wiederholt den Vorgang des Lasierens und Abziehens mehrmals, bis das für sie ideale Ergebnis erreicht ist. Wie bei der Solarisati-on werden auch durch diese Technik fragmentarische bildnerische Details aufbereitet und intensiv weiter verarbeitet. Auch hier wird die kraftvolle Farbgebung als emotionaler Indikator eingesetzt, verstärkt der Prozess des ständigen Lasierens von Farbflächen und das daran anschließende Abziehen des Papiers die auch die Fotografie charakterisierende Flüchtigkeit des Augenblicks.

Renate Olbrichs Welt der Bilder wird in ihre Einzelteile zerlegt, neu komponiert, verfremdet und aufgelöst, dramatisiert und banalisiert, erfunden und komponiert, um dann einzelne Elemente zu einem beziehungsreichen, neu variierten Ganzen zusammenzuführen. Moderne Erzählungen treffen dabei auf antike Mythen, Bildikonen der Medienwelt auf kunsthistorische Zitate. Nach Olbrich darf ein Künstler nicht versuchen, sich lediglich Geschichten im Bild zu nähern, darf sich nicht als Historiker auf der Suche nach absoluter Wahrheit begreifen. Er muss sich der Vielzahl der Geschichten bedienen, um seine eigene Geschichte zu erzählen, und bleibt so in der Subjektivität dennoch objektiv. 

Dr.Oliver Zybok


Im Schlaf des Lichts

Auf den ersten Blick sehen die collageartigen Werke von Renate Olbrich wie Malereien aus. Der zweite Blick lässt computergenerierte Bildwelten vermuten. Poetische Motivtableaus, Stillleben, Arrangements, Landschaftsdetails, Tiere, Pflanzen, Sumo-Ringer erscheinen wie Erinnerungsskizzen vor dem Auge des Betrachters, jäh scharfe Kontur annehmend, um sich bar ihrer Flüchtigkeit zu einem kurzweiligen intensiven Moment zu verdichten. Die expressiv farbigen Bilder sind jedoch mit einer analogen Kamera und der von Renate Olbrich wieder entdeckten Technik der Farb-Solarisation entstanden. 

Dabei sind die Übergänge zwischen Fotografie und Malerei gleichwohl fließend. Die gelernte Fotografin Renate Olbrich malt mit Licht. In der Dunkelkammer werden die Handabzüge der Farbnegative und Diapositive stark überbelichtet, wodurch sich die Farbwerte umkehren. Mit Hilfe spezieller Chemikalien entstehen die prächtigen Farbvaleurs, meist in Rot, Orange oder Gelb, die die Arbeiten stark emotional aufladen und unmittelbar sinnlich erfahrbar machen. Mit einem von ihr eigens entwickelten Verfahren verwischt Renate Olbrich nun Hintergründe und Details, so dass der Eindruck sich ausbreitender Farbe und damit malerische Qualitäten entstehen.

Dieser dynamische Aspekt mündet in der dezidierten Transitorik der Objekte, die erwarten lässt, dass diese sich in einer Metamorphose, wie gleichfalls die Farben chamäleonartig, verändern könnten. Hierbei eröffnen die Schatten wie auch die Bereiche, die durch ihre Unschärfe die Motive miteinander verweben, lyrische Aspekte: „Es ist nicht das Licht, es ist der Schatten und sein Geheimnis. Das Geheimnis des Schattens ist aber der Schlaf des Lichts. Dieser Schlaf gebiert die Phantasie des Zwielichts.“ 

In diesem Zwielicht sind zahlreiche Assoziationszusammenhänge angesiedelt, die sich bei der Betrachtung der zusammengestellten Bildgefüge von Renate Olbrich einstellen. Ganz deutlich zeigt sich in der Auswahl und Zusammenstellung die subjektive Wahrnehmung der Künstlerin. Renate Olbrich legt dabei Schichten jenseits unserer konditionierten Wahrnehmung frei.

Die Objekte erfahren eine auratische Aufladung, werden verlebendigt. Während der Alltagserfahrung ein verdinglichtes Verhältnis zur Welt zugrunde liegt, akzentuiert Renate Olbrich die Dimensionen, die jenseits der Sichtbarkeit in den Hintergründen der Dinge liegen. Gegenlicht durchbricht die Oberfläche der Dinge und beseelt sie. Eine Leichtigkeit des Seins umfängt die Objekte, sie scheinen schwerelos zu sein, seltsam transparent und Zeit und Raum enthoben, fremdartig und doch vertraut, melancholisch, in sich gekehrt und doch dynamisch, mit einem Wort: surreal.

In Renate Olbrichs Bildern durchdringen sich geschichtliche Orte, unterschiedliche Kulturen, antike Mythologie, zeitgenössische Medienbilder, kunstgeschichtliche Zitate und Nippes. Den Bildern ist etwas Persönliches zu Eigen, etwas Privates. Zugleich verbindet Renate Olbrich ihre individuelle Mythologie mit der kollektiven. Aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, gehen die Objekte neue Bedeutungszusammenhänge ein, überlagern sich vielschichtig, Fragmenten der Erinnerung und Gedankensprüngen gleichend, und gehen ein vieldeutiges Beziehungsgeflecht mit der Welt des Betrachters ein.

Ein ähnlich dramaturgisches Verfahren wendet Renate Olbrich bei ihren Malereien an, wobei hier Fotografien von Objekten die ursprünglichen Motive ausmachen, die malerisch und mit der Technik der Collage umgesetzt werden. Dabei geraten die Dinge wie in den Fotografien zu etwas Anderem, ohne um ihr Eigenes gebracht zu werden. Renate Olbrichs künstlerische Praxis ließe sich mit der Verwendung von rhetorischen Figuren beschreiben. Das bildliche Geschehen wird nicht von außen bestimmt, sondern bildet die Verlaufsformen der Bildsprache selbst. Im Gegensatz zur Logik und Grammatik erschließt Renate Olbrich ihre Gegenstände von innen und erschafft so eine spektakuläre Poesie.

Dr. Stefanie Lucci, Juni 2010